CANCOM: Welche Rolle hast du persönlich im Rapid-Response-Einsatz?
Walter: Ich bin Senior Business Consultant und Krisenmanager bei CANCOM. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass im Ernstfall alle Maßnahmen strukturiert und zielgerichtet ablaufen. Vor rund fünf Jahren, als das Thema Rapid Response richtig Fahrt aufnahm, absolvierte ich zahlreiche Zertifizierungen unter anderem als BSI-Vorfallexperte, Incident Handler und Digitalforensiker. Dort wurde erstmals die Rolle des Krisenmanagers sehr klar definiert. An diesen Vorgaben haben wir uns orientiert und auch unsere Organisation entsprechend aufgebaut. Heute verfügen wir über ein agiles Team zertifizierter Krisenmanager, jeweils einen Verantwortlichen pro Business-Einheit.
CANCOM: Welche Qualifikationen und Eigenschaften braucht ein Krisenmanager und ist das ein Job für Berufseinsteiger?
Walter: Diese Rolle erfordert fachliche Tiefe und persönliche Reife. Ein Krisenmanager braucht breites technisches Verständnis – von Netzwerken über Cloud und Security Tools – ebenso wie ausgeprägte Projekt- und Krisenmanagement-Skills. Im Ernstfall sitzt er der Geschäftsführung gegenüber und muss hochkomplexe, technische Sachverhalte so erklären, dass auch Entscheider ohne IT-Hintergrund die Situation, Risiken und Handlungsoptionen inklusive geschäftlicher, rechtlicher und strategischer Auswirkungen verstehen.
Dazu kommen persönliche Eigenschaften: Ruhe, souveränes Auftreten, klare Kommunikation, lösungsorientiertes Handeln und Belastbarkeit unter massivem Druck. Auch intrinsische Motivation für Security-Themen und ständige Weiterbildung und die Bereitschaft, „out of the box“ zu denken, sind essentiell.
Für Berufseinsteiger ist diese Rolle meist zu früh. Erfahrung entsteht durch echte Fälle – also zu wissen, was sich in vergleichbaren Situationen bewährt hat, wo typische Fallstricke liegen und was man besser vermeidet. Das braucht Zeit.
CANCOM: Wie gehst du mit hoher emotionaler Belastung beim Kunden um?
Walter: Der Kunde steht berechtigterweise unter extremem Stress. Vor allem bei eigentümergeführten Unternehmen geht es um sehr viel: Da hängen Existenzen, Verantwortung und oft Traditionen dran. Dann können auch schon mal Tränen fließen. Ich versuche, Ruhe auszustrahlen und erkläre, dass wir solche Situationen schon oft erlebt haben und was die nächsten Schritte sind. Dem Kunden hilft es enorm, wenn er weiß, was wir wiederherstellen können und wie schnell bestimmte Prozesse wieder laufen.
CANCOM: Wie führst du dein Einsatzteam und wie hältst du die Motivation hoch?
Walter: Transparenz ist entscheidend. Wer das Warum hinter Entscheidungen kennt, arbeitet sicherer und motivierter. Ich achte auf faire Ressourcennutzung, realistische Etappenziele und klare Rollen und Verantwortlichkeiten. Und ich kommuniziere auch, dass sich mein Team melden soll, wenn etwas unklar ist oder klemmt. Frühe Klärung spart Tage. Außerdem versuche ich mögliche Ängste zu nehmen, etwas falsch machen zu können. Ich erkläre ihnen, dass wir immer die gleichen Aufgaben und nichts Geheimnisvolles tun – alles hat sich in anderen Situationen bereits bewährt. Es ist bereits alles kaputt und wir sind da, um es wieder besser zu machen. Klar passieren auch Fehler – es hat schon seinen Grund, warum IT-Projekte sonst Wochen und länger dauern, hier aber alles innerhalb von Tagen wieder im Notbetrieb sein muss.
CANCOM: Gibt es Einsätze oder Situationen, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
Walter: Ja, einer ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Es war kurz vor Weihnachten, als das Telefon klingelte. Ich fuhr zum Kunden und der Geschäftsführer meinte gleich: „Es ist Weihnachten und wir haben jetzt zwei Wochen Betriebsferien und produzieren in der Zeit auch nicht. In diesen zwei Wochen können Sie alles wiederherstellen.“ Der Business Impact war in diesem Fall gleich null und die Vorgabe klar.
Wie trügerisch erste Eindrücke sein können, zeigt ein weiteres Beispiel: In einem Fall war die elektronische Schließanlage ausgefallen. Zunächst klang das harmlos. Tatsächlich handelte es sich aber um eine Öffnungsanlage. Alle Türen standen offen. Plötzlich war physische Sicherheit das dringendste Thema, und wir mussten umgehend Personal zur Zugangssicherung organisieren.
Was mich regelmäßig schmunzeln lässt, sind 15 Entscheider, die in einem großen Vorstandsraum um ein kleines Smartphone stehen. Alle reden in dieses kleine Gerät hinein. Wir holen dann unsere Konferenzspinne aus dem Koffer. Das illustriert gut, dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass beim Kunden irgendeine Technik noch verlässlich funktioniert.
Aus der Corona Zeit habe ich gelernt, auch für den Feierabend gerüstet zu sein. Im Lockdown waren Restaurants geschlossen und Hotels boten abends oft kein Essen an. Seitdem habe ich immer Getränke, Konserven z.B. Mais, Thunfisch und sogar einen Esbit-Kocher für frischen Kaffee im Auto. Benutzt habe ich ihn noch nie, aber zu wissen, dass ich im Zweifel um 23 Uhr Kaffee kochen kann, senkt den Stresslevel.
CANCOM: Was machst du, wenn gerade kein Einsatz läuft?
Walter: Diese Zeiten sind extrem wertvoll. Wir stärken die Einsatzbereitschaft bei uns selbst und bei unseren Kunden. Dazu gehören präventive Beratung, Risikoanalysen, Sicherheitsaudits und Notfallplan-Optimierung. Wir nutzen die Zeit auch für interne Weiterentwicklung z.B. durch Schulungen und Zertifizierungen oder die Weiterentwicklung unserer Tools, Playbooks und Prozesse, damit wir beim nächsten Ernstfall noch schneller und besser sind. So bleiben wir up-to-date und unsere Kunden bekommen die bestmögliche Unterstützung, wenn es darauf ankommt.
CANCOM: Warum ist der Job genau der richtige für dich? Was treibt dich an und warum ist CANCOM für diese Aufgabe besonders geeignet?
Walter: Wir helfen Menschen und Unternehmen in Ausnahmesituationen. Die Dankbarkeit ist spürbar und sehr erfüllend. Im Großen und Ganzen gibt es auch keine Diskussionen über Kosten oder Abläufe. Wir kommen dahin und machen einfach unseren Job. Das finde ich sehr angenehm. Für mich persönlich ist das Thema Security hochspannend. Die IT verändert sich ständig, man lernt immer dazu, man arbeitet mit neuen Technologien und Teams. Das ist genau meins.
Und CANCOM bietet etwas, das in der Krise entscheidend ist: Wir können innerhalb eines Tages bundesweit fähige Kolleginnen und Kollegen bereitstellen, die schnell und direkt vor Ort helfen. Diese Schlagkraft ist ein echter Unterschied. Kleinere Dienstleister können das in der Regel nicht abbilden.
CANCOM: Wie lässt sich diese Rolle mit dem Privatleben vereinbaren?
Walter: Das Leben muss so aufgestellt sein, dass man spontan reagieren kann. Mit kleinen Kindern ist das vermutlich schwieriger, alleinerziehend wäre es aus meiner Sicht kaum machbar. Hilfreich ist ein verständnisvoller Partner oder eine verständnisvolle Partnerin: Manchmal startet um 22 Uhr noch eine Telko, und dann ist ein belegtes Brötchen, dass von der Partnerin hineingereicht wird, eine Form der Wertschätzung.
Der Vorteil: Bei einem längerem Kundeneinsatz sammeln sich Überstunden und Ersatzruhetage an, somit habe ich danach wieder Zeit, mich zu erholen, und auch die technische Einsatzfähigkeit muss wiederhergestellt werden. Es sagt bei CANCOM niemand etwas, wenn die Folgetage „Low-Ops“ sind. Dieses Geben und Nehmen ist gelebte Realität in der Rolle.
CANCOM: Vielen Dank für das Gespräch und die spannenden Einblicke in eine Rolle, die im Ernstfall den Unterschied macht.
Wer den ersten Interviewteil noch nicht gelesen hat, findet ihn hier.